Wie die Geldschöpfung funktioniert
Die Mechanismen hinter unserem täglichen Geld verstehen.
I. Ein Brot gegen… Code?
Wenn wir beim Bäcker ein Brot kaufen, bezahlen wir mit einer Banknote, einer Münze oder unserer Bankkarte. In Wirklichkeit geben wir aber keinen „Gegenstand“ mit einem intrinsischen Wert her. Wir tauschen ein Stück Papier oder eine Zeile Code gegen ein greifbares Gut.
Dieser einfache Vorgang verbirgt eine komplexe ökonomische und soziale Konstruktion: Unser heutiges Geld ist nicht mehr durch Gold oder materielle Güter gedeckt. Sein Wert basiert auf Vertrauen und den Mechanismen der Geldpolitik.
II. Vom Tauschhandel zum Buchgeld
In früheren Gesellschaften fand der Handel per Tausch statt: Ein Laib Brot gegen einen Fisch. Dieses System stieß jedoch schnell an seine Grenzen, da nicht alle Güter leicht teilbar, lagerbar oder tauschbar sind. So entstand Geld, zunächst in Form von wertvollen Gütern (Salz, Gold, Muscheln), dann als von Staaten geprägte Münzen und schließlich als Banknoten und Buchgeld (elektronisches Geld).
Die Entwicklung hin zum Fiatgeld stellte einen großen Bruch dar. Im Gegensatz zu Goldmünzen bezieht dieses Geld seinen Wert aus dem Vertrauen in die ausgebende Autorität und seiner allgemeinen Akzeptanz. Dieser Übergang beschleunigte sich mit der Aufgabe des Goldstandards im Jahr 1971 und markierte den endgültigen Eintritt in die Ära des modernen Geldes.
Heute ist die überwiegende Mehrheit des umlaufenden Geldes weder Münze noch Banknote: Es ist Buchgeld, das von Geschäftsbanken in dem Moment geschaffen wird, in dem sie Kredite vergeben. Im Euroraum macht dieses elektronische Geld etwa 85 % des gesamten umlaufenden Geldes aus.
III. Wie schaffen Banken konkret Geld?
1. Der Schöpfungsprozess durch Geschäftsbanken
Im Gegensatz zu einem weit verbreiteten Irrtum schafft nicht die Zentralbank das gesamte Geld. Das meiste Geld wird täglich von den Geschäftsbanken geschaffen:
Ein konkretes Beispiel: Marie möchte eine Wohnung für 300.000 Euro kaufen. Sie beantragt bei ihrer Bank einen Immobilienkredit. Die Bank genehmigt den Antrag. In diesem Moment geschieht Folgendes:
- Sie schreibt Marie +300.000 Euro auf ihrem Girokonto gut.
- Sie trägt +300.000 Euro in ihre Forderungen ein (was Marie ihr schuldet).
Diese 300.000 Euro gab es vorher nicht. Der Kredit schafft die Einlage, nicht umgekehrt. Diese Geldschöpfung erfolgt augenblicklich durch eine einfache Buchung.
2. Die Rolle der Zentralbank
Die Zentralbank greift anders ein:
- Sie refinanziert die Banken: Wenn einer Bank Liquidität fehlt, kann sie bei der EZB Kredite aufnehmen.
- Sie kauft Anleihen auf den Märkten (insbesondere in Krisenzeiten).
- Sie gibt die Banknoten aus, die wir täglich verwenden.
Die EZB schafft also nicht direkt das gesamte Geld, aber sie kontrolliert die Bedingungen, unter denen Banken es schaffen können.
IV. Die Grenzen der Geldschöpfung
Die Geldschöpfung ist nicht unbegrenzt. Mehrere Faktoren schränken sie ein:
1. Regulatorische Beschränkungen
Mindestreserven: Banken müssen 1 % ihrer Kundeneinlagen bei der EZB hinterlegen. Hat eine Bank 100 Millionen Euro an Einlagen, muss sie 1 Million Euro bei der EZB hinterlegen.
Solvenzquoten: Seit der Krise von 2008 müssen Banken nachweisen, dass sie über genügend Eigenkapital verfügen, um potenzielle Verluste aufzufangen. Das Mindestverhältnis zwischen Eigenkapital und vergebenen Krediten muss 8 % betragen.
2. Praktische Beschränkungen
Abflüsse zwischen Banken: Wenn Marie ihren Kredit über 300.000 Euro nutzt, um ihre Wohnung zu kaufen, könnte der Verkäufer Kunde einer anderen Bank sein. Maries Bank muss diese 300.000 Euro dann an die Bank des Verkäufers überweisen. Sie muss also über diese Liquidität verfügen.
Kosten der Refinanzierung: Banken müssen ihre Aktivitäten finanzieren. Wenn sie zu viele Kredite vergeben, müssen sie sich auf den Märkten oder bei der EZB refinanzieren, was mit Kosten verbunden ist.
Risikobewertung: Banken vergeben nur Kredite, wenn sie davon ausgehen, dass der Kreditnehmer sie zurückzahlen kann. Diese Risikobewertung begrenzt die Geldschöpfung auf natürliche Weise.
3. Inflation als Grenze
Wird im Verhältnis zu den verfügbaren Gütern zu viel Geld geschaffen, steigen die Preise (Inflation). Historische Beispiele zeigen die Gefahren: In den 1920er Jahren in Deutschland brauchte man eine Schubkarre voller Scheine für ein Brot, oder in jüngster Zeit in Venezuela, wo die Inflation 1.000.000 % überstieg.
V. Die Instrumente der Geldpolitik in der Praxis
1. Leitzinsen
Die EZB legt ihre Leitzinsen fest, die derzeit bei etwa 2 % liegen.
Diese Zinssätze beeinflussen die Kreditkosten:
- Senkt die EZB ihre Zinsen, können sich die Banken günstiger refinanzieren und geben diese Senkung an ihre Kunden weiter.
- Erhöht sie die Zinsen, tritt der gegenteilige Effekt ein.
2. Liquiditätsspritzen
Während Krisen (2008, 2020) kauft die EZB massiv Staats- und Unternehmensanleihen, um Liquidität in die Wirtschaft zu pumpen. Diese „quantitative Lockerung“ genannten Programme umfassen Billionen von Euro.
3. Kommunikation
Die EZB kommuniziert regelmäßig ihre künftigen Absichten. Diese „Signale“ steuern die Entscheidungen von Banken und Investoren, noch bevor die Maßnahmen umgesetzt werden.
VI. Wie wird Geld gemessen?
Ökonomen unterscheiden verschiedene „Geldmengenaggregate“:
- M1: Sofort verfügbares Geld (Banknoten, Münzen, Girokonten)
- M2: M1 + leicht mobilisierbare Ersparnisse (Termingelder unter 2 Jahren)
- M3: M2 + weniger liquide Anlagen (Geldmarktfonds, kurzfristige Anleihen)
Die EZB überwacht hauptsächlich M3, das die gesamte in der europäischen Wirtschaft zirkulierende Geldmenge darstellt.
VII. Aktuelle Entwicklungen
1. Die digitale Revolution
Bitcoin und Kryptowährungen: Diese digitalen Währungen funktionieren ohne Zentralbanken. Bitcoin wird zum Beispiel durch einen als „Mining“ bezeichneten Computerprozess geschaffen. Täglich werden etwa 10.000 neue Bitcoins nach vorprogrammierten Regeln generiert.
Offizielle digitale Währungen: China testet bereits seinen „digitalen Yuan“ mit Millionen von Nutzern. Europa prüft einen „digitalen Euro“, der es ermöglichen würde, direkt mit Zentralbankgeld zu bezahlen, ohne auf Geschäftsbanken angewiesen zu sein.
Stablecoins: Digitale Währungen wie Tether oder USDC beanspruchen, durch „echte“ Dollar gedeckt zu sein. Ihre Marktkapitalisierung beträgt heute über 150 Milliarden Dollar.
2. Außergewöhnliche Maßnahmen seit 2008
Seit der Finanzkrise 2008 haben die Zentralbanken nie dagewesene Mengen an Geld geschaffen:
- Die US-amerikanische Fed: mehr als 8 Billionen Dollar wurden injiziert.
- Die EZB: Kaufprogramme im Wert von mehr als 5 Billionen Euro.
- Die Bank von Japan: das Äquivalent ihres BIPs in Form von Anleihekäufen.
Diese Summen übersteigen das jährliche Budget der betroffenen Staaten um ein Vielfaches.
3. Negative Zinsen
Zwischen 2014 und 2022 legte die EZB ihre Zinsen in den negativen Bereich. Konkret mussten Banken dafür bezahlen, ihr Geld bei der EZB zu deponieren – eine historisch beispiellose Situation. Das Ziel war, sie dazu zu bewegen, Kredite zu vergeben, anstatt Geld zu horten.
VIII. Fazit
Die Geldschöpfung, lange Zeit als technischer Mechanismus für Spezialisten angesehen, wird zu einem zentralen Thema der aktuellen Wirtschafts- und Politikdebatten. Das Verständnis dieser Zusammenhänge hilft, die großen wirtschaftlichen Entwicklungen zu entschlüsseln und ihre Auswirkungen auf unseren Alltag vorherzusehen.
Die aktuellen Veränderungen – Digitalisierung, außergewöhnliche Geldpolitik, neue Akteure – definieren die Konturen eines jahrhundertealten Systems neu. Diese Mutationen wirken sich direkt auf unsere Zahlungsmethoden, unsere Ersparnisse und ganz allgemein auf unser Verhältnis zum Geld aus.
Die Beherrschung dieser Thematiken ist für jeden Bürger unerlässlich, der die aktuellen Wirtschaftsdebatten und die politischen Entscheidungen, die die Zukunft unserer Gesellschaften gestalten, verstehen möchte.
Das Verstehen der Geldschöpfung ist ein erster Schritt. Aber zu wissen, wie Sie Ihr Geld in diesem sich ständig wandelnden Kontext effektiv einsetzen, erfordert einen personalisierten und professionellen Ansatz.
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